Bärbel Schäfer: Avas Geheimnis

Zum Inhalt

„Wie kommen wir mit unserer Einsamkeit zurecht? Diese Konfrontation mit uns selbst ist für uns alle eine enorme Herausforderung. Vielleicht ist das der Kern des Daseins. Nicht zu verbittern, trotz all der Hindernisse, all den unbeantworteten Fragen.“ (S. 209)

Dass Bärbel Schäfer gut reden kann und sich ohne Zweifel mit wichtigen Fragen auseinandersetzen kann, dürfte jedem bewusst sein. In ihrem neuen Buch „Avas Geheimnis“, setzt sich die bekannte deutsche Fernsehmoderatorin und -produzentin mit dem vermeintlichen Tabuthema Einsamkeit auseinander, und geht dabei schrittweise verschiedenen Aspekten von Einsamkeit auf den Grund. Dabei zeigt sie, einfühlsam und tiefgründig, die verletzlichste Seite des Menschen und des eigenen Selbst.

Die Geschichte handelt von Bärbel selbst und von Ava, der Schwester einer ihrer besten Freundinnen. Ava lebt alleine und zurückgezogen in ihrer Wohnung. Man könnte schon fast sagen, fristet ihr Dasein. Nach einem Unfall wird Bärbel von ihrer Freundin Caro gebeten, nach Ava zu sehen und sie im Krankenhaus zu besuchen. Bärbel sagt gerne zu, schließlich kennst sie Ava noch von früher und freut sich darauf, sie wiederzusehen. Auf was sie jedoch nicht gefasst ist, ist die Frau, die sie im Krankenhaus antrifft und die sie doch nicht mehr kennt oder erkennt. Ava hat sich stark verändert, ist abweisend und in sich gekehrt. Zunächst stößt sie Bärbel weg, will sie nicht, will ihre Hilfe nicht. Doch langsam beginnt sie sich ihr gegenüber zu öffnen, erzählt in E-Mails, was sie beschäftigt, was sie umtreibt, was in ihr vorgeht. Ava ist einsam. Doch wie kam es dazu, dass ein Mensch, der eigentlich gut verwurzelt schien, auf einmal jedwedes Interesse am eigenen Leben verliert und dieses schlicht nicht mehr führen kann. Viele Menschen tragen Narben bei sich, sind verletzt worden, haben schon einmal gelitten. Doch sie leben weiter, nehmen ihr Leben weiter in den Griff. Wieso Ava nicht? Was ist mit Ava passiert?

Bibliografische Angaben

Bärbel Schäfer: Avas Geheimnis – Meine Begegnung mit der Einsamkeit

Kösel Verlag

Hardcover

240 Seiten

ISBN: 9783466372867

Preis: 20,00€

Meine meinung

Wow, ist das erste Wort was mir dazu einfällt. Sprache, Stil und Thema haben mich vollkommen überzeugt. Oftmals musste ich das Buch für einige Zeit aus der Hand legen, da die Fragen, die Bärbel Schäfer aufwirft, zeitweise sehr aufwühlend waren und mich nachhaltig beschäftigt haben. Warum fühlen sich Menschen einsam, ganz gleich ob sie Single oder in einer festen Partnerschaft sind? Ob sie zahlreiche Freundschaften pflegen oder Wenige? Ob sie fest verwurzelt in Familien sind oder auf sich allein gestellt? Und wie kann man Einsamkeit bekämpfen? Wie einsamen Menschen helfen, vor allem dann, wenn sie sich selbst nicht helfen können oder helfen lassen wollen? Was ist überhaupt Einsamkeit?

Auch durch verschiedene Interviews versucht Bärbel unterschiedliche Sichtweisen und Aspekte dieses Themas zu beleuchten. Zum einen mit Charlotte Link, die sich in Ihren Büchern oftmals mit der Einsamkeit ihrer Figuren auseinandersetzt und die Vermutung darlegt, dass sich jeder Mensch zeitweise einsam fühlt und dass zeitweilige Einsamkeit damit etwas Natürliches ist. Zum anderen mit Dr. Susanne Bücker von der Ruhr-Universität, die sich an der Fakultät für Psychologie und Psychologische Methodenlehre unter anderem mit dem Thema Einsamkeit als Folge der Pandemie-Bedingungen auseinandersetzt. Gerade in Zeiten einer Pandemie und pandemiebedingter Maßnahmen, wie Kontaktbeschränkungen oder Lock downs, die in Bärbel‘s Überlegungen ebenfalls eine große Rolle spielen, fühlen sich immer mehr Menschen sozial isoliert und von der Außenwelt abgeschnitten. Doch ab wann macht soziale Isolation einsam? Und schließlich auch, in einem Gespräch mit Cornelia Geppert, CEO des Entwicklerstudios Jo-Mei in Berlin, die das Computerspiel Sea of Solitude mit entwickelte, das sich mit den Themen Bindungsangst, Einsamkeit, Verlustangst, Depression und Verlorenheit beschäftigt. Sie wirft schließlich die Fragen auf: Ist es okay, manchmal nicht okay zu sein? Probleme verschwinden nun einmal nicht einfach so aus unseren Gedanken und unserem Leben, denn es besteht nun eben auch oftmals aus Melancholie und Traurigkeit, ebenso wie aus Lachen und Glück. Ist es daher nicht besser, das Negative ebenso wie das Positive als Lebenserfahrung anzunehmen?

Als Fazit lässt sich für mich festhalten: „Bei einigen Menschen graben sich in den frühesten Jahren ihrer Kindheit schon so tiefe Wunden ein, dass ein Leben kaum reicht, sie zu heilen. Trost kann den Schmerz hoffentlich lindern. Das ist vielleicht die stärkste Herausforderung unseres Lebens: zu trösten und uns trösten lassen zu können. Uns mit unseren Schwächen und den Verletzungen zu lieben, anzunehmen.“ (S. 199)

Ein wirklich wunderbares Buch, das Kraft spendet, nachdenklich macht und tiefgründig und unerschrocken das Thema Einsamkeit beleuchtet. Am Ende steht die heilsame Erkenntnis: Du bist nicht allein!

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